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Oroschakoff, Cannes und der nostalgische Blick nach Osten

In Cannes geht kommende Woche ein Lebenstraum für ihn in Erfüllung: Der österreichische Künstler Haralampi G. Oroschakoff zeigt im Museum auf dem Suquet seine Sammlung über Völker am Rande Europas – Kurden, Tschetschenen, Tscherkessen, Tataren… Völker zwischen Ost und West, deren Geschichte und Kultur in Vergessenheit zu geraten drohen.



Coverfoto der Ausstellung in Canes. © H.G. Oroschakoff

“GESICHTER DER GRENZEN -

Völker und Identitäten in den Grenzgebieten Eurasiens”


Der österreichische Künstler Haralampi G. Oroschakoff (geb. 1955) entführt den Besucher mit einer Reihe gemalter Porträts und einer Auswahl historischer Gegenstände und Dokumente in die entlegensten Winkel Europas, zu den vergessenen Völkern des Schwarzen Meeres, des Kaukasus und der Steppe. Stolz tragen die dargestellten Figuren ihre Trachten und zeugen von einer Welt, die heute verschwunden ist, von einer fragilen Verbindung zwischen Ost und West.

Ein Jahrhundert nach dem Ersten Weltkrieg, der das Ende des russischen und des osmanischen Reiches einläutete, wirft die Ausstellung einen zeitgenössischen und zugleich nostalgischen Blick auf diese Minderheiten mit ihrer bewegten Vergangenheit und ihrer kämpferischen Identität: die Kurden, die Tschetschenen, die Tscherkessen, die Tataren...

(Übersetzung des offiziellen Ausstellungstextes)




Haralampi G. Oroschakoff. Foto: privat

Dieses Gespür für kulturelle Feinheiten und Ausgrenzung aufgrund von Herkunft ist dem in Bulgarien geborenen Österreicher mit russisch-serbischen Wurzeln und ungarischer Mutter in die Wiege gelegt. Bereits als junger Mann Ende der 1970er-Jahre in Wien, wo Haralampi G. Oroschakoff eine Balance suchte zwischen integriert (“Ich war Debütant am Opernball”) und verspottet (“Du Tschusch!”), begann er sich für südosteuropäische Völker zu interessieren.


“Ich stellte mir Fragen wie: Wer bin ich – und was bin ich?”, erklärt Oroschakoff im Gespräch mit der RIVIERAZEIT im Garten seines Hauses in Théoule-sur-Mer. “Papiere weisen einem eine Nationalität zu. Aber was heißt das?”



Vielfältige Eigenheiten


In der Bibliothek verschlang der Maler und Schriftsteller damals Geschichtsbücher über die ihm fremden Völker und Stämme, studierte ihre bunten Trachten und Waffen, Geräte, Hausrat und Architektur. Er war fasziniert von der Vielfalt ihrer Eigenheiten und fing an, zu sammeln: Bücher, Gegenstände, Gravuren, Gemälde, Postkarten. Wie ein Hamster trug er zusammen, was er in Antiquariaten und auf Reisen finden konnte: das Bild der ernst und stolz blickenden Burjatin, die das Plakat der Ausstellung in Cannes ziert, den Tataren in den Farben seines Stammes, eine vier Meter breite Weltkarte aus Kasachstan mit der Sowjetunion im Zentrum...

“Spurensicherung”, nennt Oroschakoff sein Unterfangen heute.


“So ist ein Archiv entstanden der verschiedenen Völker und Stämme zwischen dem osmanischen und russischen Reich”, sagt der exzentrische Kettenraucher mit dem Lächeln eines Lausbuben. Ihm selbst sei durch seine Arbeit bewusst geworden, dass Kulturgrenzen fließend sind und unsichtbar.


Paravent, Landkarte, Zeichnung aus der Sammlung Haralampi G. Oroschakoffs.

© Oroschakoff


Immer wieder hat der international erfolgreiche Künstler (u.a. Biennale in Venedig, Documenta in Kassel) mit Museumsdirektoren über eine Ausstellung seiner Sammlung gesprochen, doch erst in Frankreich – sensibilisiert durch die eigene Kolonialgeschichte – wurde es konkret: Der neue wissenschaftliche Leiter des Anfang des Jahres in Musée des explorations du monde umbenannten Musée de la Castre in Cannes, Christophe Roustan Delatour, war sofort Feuer und Flamme, als er zufällig eine Auswahl von Oroschakoffs gesammelten Werken in die Finger bekam.


Roustan Delatour selbst kuratierte die am kommenden Freitag, 29. Oktober, auf dem Altstadtberg beginnende siebenmonatige Ausstellung “Visages des frontières”. Knapp 50 Exponate hat er ausgewählt, darunter als persönlichste Stücke die Trachten der makedonischen Großeltern von Oroschakoff aus der Zeit um 1900. Oroschakoffs eigene Texte und Recherchen dienten dem Team in Cannes als Basis, die für die Ausstellung wissenschaftlich aufgearbeitet wurde. Info-Tafeln leiten im Museum durch das Sammelsurium an fremd klingenden Namen. Von “Abchasen” liest man dort, einer Volksgruppe, die am Schwarzen Meer zu Hause ist, ebenso wie von “Tscherkessen” oder “Tataren”.


“Wir zeigen die verschiedenen Völker in ihrer Eigenart und Schönheit”, erklärt der österreichische Maler, der sich diebisch freut auf die Eröffnung: “Es das Laboratorium einer Welt entstanden, die es so nicht mehr gibt.”



Oroschakoff-Jahr 2021: Buch & Ausstellung


Für Oroschakoff hat die Ausstellung in Cannes einen ganz besonderen Stellenwert. Neben seinem bereits im Frühjahr erschienenen autobiografischen Streifzug durch die (Kunst-)Geschichte der Côte d’Azur (“Das Lächeln des Emigranten”) findet mit der Expo im Musée des explorations du monde in seiner Wahlheimat ein zweiter wichtiger Block seines Gesamtkunstwerkes einen Abschluss.


Mit 13 oder 14 zog Haralampi G. Oroschakoff übrigens zum ersten Mal nach Cannes, mit seinen Eltern damals. Heute lebt er etwas weiter westlich in Théoule-sur-Mer und pendelt regelmäßig nach Berlin und Wien.


Das Herz des Mannes mit dem markanten Schnauzer und der hohen Stirn aber gehört gewiss der Côte d’Azur: Der Schmelztiegel und langjährige Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde ist wie maßgeschneidert für ihn – als Nachkommen von Menschen, deren Lebensweg über Generationen hinweg Emigration und Exil bestimmten.


Aila Stöckmann




Die Ausstellung in Cannes


“VISAGES DES FRONTIÈRES

Peuples et identités aux confins de l'Eurasie”


Musée des explorations du monde

29. Oktober 2021 - 29. Mai 2022

Geöffnet dienstags bis sonntags, 10-13 und 14-17 Uhr

Eintritt: 6 Euro

Place de la Castre, Le Suquet

06400 Cannes

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