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Sanary-sur-Mer: Frido Mann und Ron Williams fordern frühen Unterricht zum Thema Rassismus

Aktualisiert: 8. Okt. 2021

Zahlreiche Intellektuelle vor allem aus Deutschland treffen sich in dieser Woche in der heimlichen Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur – im südfranzösischen Sanary-sur-Mer – zum Gedankenaustausch. Vom 23. Else-Lasker-Schüler-Forum (2. bis 9. Oktober) berichtet unser Chefreporter Rolf Liffers.


Heimliche Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur: Sanary-sur-Mer. Foto: AS

Das malerische Hafenstädtchen Sanary-sur-Mer (Departement Var) steht in diesem Oktober ganz im Zeichen der deutschen Dichterin und Malerin Else Lasker-Schüler. Die Wuppertaler Jüdin war zwar nie hier, wo sich während des Nationalsozialismus viele verfolgte deutsche Künstler im damals unbesetzten Frankreich in vorläufiger Sicherheit vor den Nazis wähnten. Aber sie flüchtete nicht weit von hier, 1939 von Marseille aus, Hals über Kopf übers Meer nach Israel. In der Maison Flotte im Hafen von Sanary läuft zur Zeit eine Ausstellung mit ausgewählten Faksimiles ihrer Bilder, die stilistisch stark an die Arbeiten von Charlotte Salomon ("Aus der Provence nach Auschwitz") erinnern (wir berichteten).

Deutschland galt nach dem Krieg lange als Vorbild in Sachen Aufarbeitung seiner historischen Schuld. Mit dieser unterschwellig provozierenden Behauptung trat die einstige Paris-Korrespondentin der ARD, Marion von Haaren, während eines einwöchigen Forums der Lasker-Schüler-Gesellschaft in Sanary eine lebhafte Diskussion los. "Das Schlimme" sei immer "die Unwissenheit, die Ignoranz der Leute", war die übereinstimmende Meinung von Referenten und über 200 zum Teil von weither angereisten Gästen. Weltweit werde einfach nicht realisiert, dass die Juden im Grunde gar nicht "das Problem" seien, postulierte der Basler Verlagsbuchhändler Martin Dreyfus und brachte seine These so auf den Punkt: "Für Antisemitismus braucht es im Grunde überhaupt keine Juden!" Bestes Beispiel sei die Schweiz, wo nur knapp 15.000 Juden auf acht Millionen Einwohner entfielen.

Der Unterhaltungskünstler Ron Williams (hier während einer Veranstaltungspause im Hafen von Sanary) und Psychologieprofessor Frido Mann appellierten an die künftige Bundesregierung, die gesetzlichen Grundlagen für eine deutlich frühere "Demokratie-Erziehung" an deutschen Schulen zu schaffen. Foto: Rolf Liffers

Von Haaren erinnerte sich, dass der Holocaust im Unterricht am Gymnasium bis zu ihrem Abitur 1977 praktisch nicht vorgekommen sei. Der damalige US-Soldat Ron Williams, der später als deutscher Kabarettist und Unterhaltungskünstler eine zivile Karriere machte, hatte das offenbar ganz anderes wahrgenommen. Nach seiner Beobachtung sei man in dem von ihm so bewunderten "Land der Dichter und Denker" schon ab den Sechziger-Jahren praktisch täglich irgendwie mit der Shoa konfrontiert worden. Von Haaren räumte ein, das könne in ländlichen Gebieten wie bei ihr in Adenau natürlich anders gewesen sein als in Großstädten.

Heutige Schüler wissen "nichts mehr von Geschichte"


Heute allerdings wüssten die Schüler "nichts mehr von Geschichte", bedauerte Williams. Der schwarze Bühnen-, Rundfunk und Fernsehstar muss es wissen, ist der gebürtige Kalifornier doch seit vielen Jahren Schirmherr der Kinder-Kultur-Karawane und der Stiftung "Leben ohne Rassismus" in Nordrhein-Westfalen sowie Pate von "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage". 2004 war ihm für sein Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit das Bundesverdienstkreuz verliehen worden. Zudem engagiert er sich in der Pflegekampagne "ganz jung, ganz alt, ganz ohr".


Thomas Manns Lieblingsenkel Frido (hier auf dem Weg zum Théatre Galli) stellte in Sanary sein neues Buch vor, in dem er über eine Vortragsreise durch die USA berichtet, auf der er mit vielen Schülern und Studenten über die Zukunft der Demokratie diskutiert hatte. Foto: Rolf Liffers

Völkermord, Unterdrückung und Ausbeutung als untermenschlich diskreditierter Kulturen seien immer wieder Auswüchse „einer Mischung aus Angst vor dem Fremden und eigenem Beschädigtsein“ gewesen, diagnostizierte in einer kurzen Kolonialismusdebatte Psychologieprofessor Frido Mann, Lieblingsenkel von Literaturnobelpreisträger Thomas Mann, der 1933 zur deutschen Exil-Kolonie von Sanary gehört hatte.

Die französische Romanautorin Cécile Wajsbrot drückte ihre Scham darüber aus, dass ihr auf diesem Gebiet "ganz besonders" versündigtes Heimatland mit seiner Vergangenheitsbewältigung und der Restitution von Raubkunst "erst ganz am Anfang" stehe. Wajsbrot, die in Paris und Berlin lebt, nannte die Wellenbewegungen des Rassismus ebenso unberechenbar wie die der Corona-Pandemie: "Es ist ein immerwährendes Auf und Ab", sagte die Essayistin und Buchübersetzerin, die auch Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Berliner Akademie der Künste ist.

Für Unterhaltungskünstler Ron Willams war damit das Stichwort für eine Überleitung zum Thema Rassismus und Flucht gefallen. "Wir dürfen bei den Kindern der Zugewanderten Minderwertigkeitsgefühle gar nicht erst aufkommen lassen, müssen sie frei von Demütigungen bei uns aufwachsen lassen und zu selbstbewussten Menschen erziehen", empfahl er dringend. Da sich das von allein nicht fügen werde, verlangte der aus Oakland stammende schwarze Amerikaner "von der künftigen Bundesregierung umgehend neue Gesetze".


Frido Mann bezeichnete die Fähigkeit und die Bereitschaft der Menschen zum Dialog als "Basis für den Erhalt der Demokratie". Schon in Kitas und Grundschulen müsse "Demokratieerziehung" deutlich verstärkt werden, "unter anderem, indem Kinder lernen, Argumente auszutauschen und für ihr Mitspracherecht einzutreten".


Gesprächsrunde im Galli-Theater. Foto: RL

Stolpersteine


Thema waren in Sanary auch die umstrittenenen deutschen Stolpersteine, die vor einstigen Häusern von verschleppten und ermordeten Juden an die Deportationen von Millionen unschuldiger Menschen erinnern sollen. Dreyfus hielt sie für "keine so gute Idee" wie übrigens auch Nazi-Jäger Serge Klarsfeld, der der RZ gesagt hatte, Franzosen würden Gedenksteine niemals "mit Füßen treten". Berichtet wurde aber auch von engagierten Lehrern, die mit ihren Klassen von Stolperstein zu Stolperstein zögen, um den jungen Menschen zu veranschaulichen, zu welch mörderischen Exzessen Rassismus führen könne.


Die Mehrheit der Forums-Besucher sprach sich grundsätzlich für jede Art von Erinnerungskultur aus. Frido Mann warnte aus aktuellem Anlass erneut vor einer latenten antisemitischen Wiederholungsgefahr. "Selbst wenn die AfD bei den letzten Bundestagswahlen Stimmen verloren hat, müssen wir höllisch aufpassen und früh genug Widerstand leisten", appellierte er. Immerhin sei die Partei in Sachsen und Thüringen erneut stärkste politische Kraft geworden.

Zeiten des Umbruchs


In der Corona-Pandemie, der Präsidentschaft Donald Trumps und der Flüchtlingskrise sieht Frido Mann drei Ursachen für erstarkte, antidemokratische Strömungen. «In Zeiten des Umbruchs und der Unruhe vergrößert sich alles: Solidarität und Vernunft, aber auch die Dummheit», warnte er. In seinem noch druckfrischen Buch "Democracy Will Win – Bekenntnisse eines Weltbürgers", das er in Sanary vorstellte, versicherte er, "der Dialog zwischen und in allen Alters- und Gesellschaftsschichten" könne "dazu beitragen, die demokratische Ordnung zu stützen. Das gelte selbst für "Wutbürger". Im Gespräch könne man Populisten und deren Theorien „noch am ehesten entlarven und sie isolieren und die Demokratie-Skeptiker für die demokratische Idee zurückgewinnen".

Es könne gar nicht anders sein, als dass die für die Menschheit überlebenswichtige Demokratie den Sieg über autoritäre Staatsformen davontrüge, zeigte sich Mann überzeugt. Kennzeichnend sei, dass die Demokratie in Westeuropa zu einer Zeit erstarkt sei, als sie in Amerika – besonders seit dem Vietnam-Krieg – einen Niedergang zu verzeichnen gehabt hätte. "Demokratie sind wir ja alle. Sie wird uns nicht geschenkt. Auch ist sie kein Dienstleistungssystem."

In seinem neuen Buch berichtet Frido Mann über eine Vortragsreise durch die USA, während der er mit vielen Studierenden über die Zukunft der Demokratie diskutiert hatte.


"Antisemitismus gäbe es auch ohne Juden." (Martin Dreyfus)

Angela Winkler, die 2008 bei der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus eine viel beachtete Rede gehalten hatte und in diesem Jahr neben Lars Eidinger als Jedermanns Mutter in Wien brillierte, trat beim Lasker-Schüler-Forum in Sanary-sur-Mer unter großem Beifall als Schauspielerin und Sängerin auf. Foto: Rolf Liffers

Schauspielerin Angela Winkler („Die Blechtrommel", "Die verlorene Ehre der Katharina Blum"), Mutter des diesjährigen Salzburger "Jedermann" (Lars Eidinger), hatte in Sanary quasi Heimspiel. In einem Waldstück der nicht allzu provencefernen Auvergne, hoch über der Loire, hat sie sich mit ihrem Mann ein ramponiertes Haus wieder fertig gemacht. "Eines von sieben“, sagte sie der RZ. "Und obwohl das sehr viel Arbeit ist, können wir uns immer noch von keinem trennen." Aber ihr Mann sei Bildhauer und handwerklich sehr geschickt. Sie sei nur seine Handlangerin. "Im Augenblick halten wir uns meist in unserem Haus in der Bretagne auf, und um die Auvergne kümmert sich unser Sohn."

Im Galli-Theater von Sanary steht Angela Winkler während des unter der Schirmherrschaft von Armin Laschet stehenden Lasker-Forums mit Schauspieler-Kollegen wie Nikolaus Kinsky, Bernd Kuschmann und Andrea Witt gleich mehrfach auf der Bühne. In einer szenischen Hommage an Marta und Lion Feuchtwanger von Gerold Theobalt, in den scharfzüngigen Flüchtlingsgesprächen von Bertolt Brecht und in "Die große Wanderung" von Hans Magnus Enzensberger – alles geistreiche und daher überaus lesenswerte Stücke, die zeigen, wie man die Dramatik der Zeit auch mit Ironie, Humor und Heiterkeit angehen kann.

Für Heiterkeit sorgte allenhalben der ebenso charmante wie urgewaltige Ron Willams mit seinem unverwüstlichen Optimismus. Immer wieder fand er versöhnliche Worte wie in der Kolonialismusdebatte, an deren Ende er das Publikum daran erinnerte, "dass wir alle mal schwarz waren und nur ein wenig an Farbe und Rhythmus verloren haben."

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