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Regisseur Bertrand Tavernier in Sainte-Maxime gestorben

KULTUR


In seinen Filmen interessierte er sich für Machtintrigen und Gewaltexzesse ebenso wie für Liebesdramen und die Ärmsten der Welt: Bertrand Tavernier gehörte zu den vielfältigsten und anspruchsvollsten Regisseuren des französischen Kinos. Gestern ist er kurz vor Vollendung seines 79. Lebensjahres in Sainte-Maxime im südfranzösischen Departement Var gestorben, wie das Institut Lumière für die Erhaltung und Verbreitung des französischen Filmerbes in Lyon meldete, dessen Präsident er war. Dem Institut zufolge hinterlässt der Künstler Frau, mehrere Kinder und Enkelkinder.


Bertrand Tavernier auf dem Filmfestival in Cannes im Jahr 2016 © Gilles Traverso

Die Welt des Kinos trauert. Auch David Lisnard, Bürgermeister der Festivalstadt Cannes, in der der Regisseur regelmäßig zu Gast war, meldete sich gestern Abend mit einem Kondolenzschreiben zu Wort: „‘Es gibt ein Kino, dessen Aufgabe es ist, der Welt die Welt zu zeigen‘, sagte (…) Bertrand Tavernier, dessen Werk sich stets um die menschliche Tragödie, um die Abgründe der Seele drehte, die er zu erforschen liebte. Er war ein Monster der Kultur.“ In Cannes erhielt Tavernier 1984 den Regiepreis für seinen Film „Un dimanche à la campagne“ („Ein Sonntag auf dem Lande“).


Tavernier war einer der wichtigsten Regisseure des französischen Kinos: Er wurde neben dem Regiepreis in Cannes mit dem Goldenen Bären (»Der Lockvogel«, 1995) und dem Jurypreis (»Der Uhrmacher von St. Paul«, 1974) bei der Berlinale sowie fünfmal mit einem César ausgezeichnet. 2015 erhielt er den Goldenen Ehrenlöwen von Venedig für sein Lebenswerk.

Dass er in keine Kategorie passte, hat ihm stets gefallen, wie er einst über sich sagte. Denn er beleuchte Themen, Universen, Epochen und verschiedene Länder, um die Wahrheit zu erfassen.

Er sei ein nonkonformistischer und couragiert vielseitiger Autor, erklärte die Jury des Filmfests in Venedig. Und als Mann mit vielen Interessen und Eigenschaften beschrieb ihn auch Jean-Luc Douin, sein Biograf.

Krimis, Psychothriller, Historienfilme, Science-Fiction, Romanzen und Satire: Taverniers Werk ist weit gespannt. Seinen Durchbruch schaffte er 1974 gleich mit seinem ersten Spielfilm "Der Uhrmacher von St. Paul". Das Drama erzählt die Geschichte eines jungen Paares, das einen Werkpolizisten erschossen hat.

Weitere Erfolgsfilme folgten wie das eindrucksvolle Psychodrama "Der Richter und der Mörder" mit Isabelle Huppert, der Science-Fiction-Krimi "Der gekaufte Tod" mit Romy Schneider und Harvey Keitel, das Jazz-Meisterwerk "Um Mitternacht" sowie den umstrittenen Streifen "Der Lockvogel".

Auch wenn der in Lyon geborene Regisseur keine Vorliebe für ein bestimmtes Genre hatte, sind seine Filme an ihrer komplexen Kamerabewegung, ihren unerwarteten Nahaufnahmen und ihrer Gesellschaftskritik zu erkennen.

In den vergangenen Jahren hatte er sich immer mehr zum engagierten Filmer, Humanisten und diskreten Mahner entwickelt. "Ich will nicht die Welt verbessern, aber zeigen, wie sie ist und wie sie vielleicht sein könnte", hatte er entschieden. In "Es beginnt heute" (1999) lässt er die Ärmsten der Gesellschaft zu Wort kommen, für "De l'autre côté du périph" (1998) verbrachte er mehrere Monate in den Trabantenstädten von Paris.

Dabei ging es ihm nicht darum, Thesen aufzustellen oder Institutionen anzugreifen. "Ich interessiere mich für einfache Menschen, die ich mit all ihren Fehlern und Qualitäten dem Zuschauer näherzubringen versuche. Mich interessieren Leute, die kämpfen, die versuchen, die Dinge um sich herum zu bewegen und zu verändern", beschrieb er seine Filme.

Tavernier war früh schon ein Kinoliebhaber. Bereits als 14-Jähriger führte er genau Buch über seine Lieblingsfilme. Vor allem war der als warmherzig und gesellig bekannte Regisseur zuerst Fan amerikanischer Filme und Filmemacher. Western gehörten zu seinen bevorzugten Genres und Samuel Fuller ("Die Hölle von Korea") zu seinen Lieblingsregisseuren. Erst später entdeckte er den französischen Film.

Zusammen mit Volker Schlöndorff hatte Tavernier das Lycée Henri IV in Paris besucht, das angesehenste Gymnasium Frankreichs. Er studierte zunächst Jura, bevor er als Filmkritiker zur Regie fand.

R.L.

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